KIRCHE und STERBEHILFE

Vortrag bei der ökumen. Herbstveranstaltung am 18.11.01 in St. Michael in Ehingen (BRD)

Seit 1983 bin ich Gemeindepfarrer in der „Nederlandse Hervormde Kerk“, der grössten protestantischen (reformierten) Kirche in den Niederlanden. Schon damals wurde in der niederländische Gesellschaft, auch in die Kirche, intensiv diskutiert über Sterbehilfe. Im Jahre 1988 veröffentlichte die Synode meiner Kirche das Diskussionsstück "Sterbehilfe und Pastorat". Es was die Reflektion des damaligen Stands der kirchlichen Diskussion. Pro und Kontra wurden respektvoll nebeneinander gestellt, ohne ein Urteil aus zu sprechen. Diese Publikation hat dem offenen Gespräch in der Kirche sehr viel weiter geholfen.

Anfang 1996 wurde ich Pfarrer in der Stadt Groningen, meine dritte Pfarrstelle. Groningen is eine mittelgrosse Provinzhaupstadt im Nordosten des Landes mit 170.000 Einwohnern. Ungefähr 20% der Bevölkerung sind Studenten, entweder an die alte Universität oder an einer der Hochschulen. Die Stadt hat in kulturellem und wirtschaft­lichem Sinne regionale Bedeutung. Auch die drei Kranken­häuser der Stadt (eines davon das Universitätskrankenhaus) tragen dazu bei. Wie in die meisten Städten in den Niederlanden gibt die Mehrheit der Bevölkerung keine Religionszugehörigkeit an. Die Christen in Groningen sind überwiegend reformiert.

Die kirchliche Gemeinde, in deren Mitte ich als Pfarrer arbeite, umfasst einige Stadtviertel aus den 60er und 70er Jahren mit ungefähr 50.000 Einwohnern. 3.000 davon sind Mitglied unserer Gemeinde. Sonntags feiern 350 bis 400 Menschen den Gottesdienst mit. Wir arbeiten in dieser Gemeinde mit drei Pfarrern: ein Ehepaar mit je einer halben und ich selbst mit einer Vollzeit-Anstellung.

Für uns als Pfarrer bedeutet Pastorat zum grössten Teil die Betreuung der Kranken, Sterbenden und Trauernden. Jährlich sterben 50 bis 60 Mitglieder der Gemeinde, meistens ältere Menschen, denn ein Dritel der Gemeinde ist älter als 65 Jahre. Viele Hochbetagte leben in Alters- oder Pflegeheimen, von denen es in diesem Stadtviertel fünf gibt. Zudem ist aber die Zahl der Gemeindemitglieder zwischen 19 und 30 Jahren besonders hoch wegen der vielen Studenten die hier wohnen.

Aber die pastorale Sorge überschreitet auch die Grenzen der Gemeinde. Trotz der stark säkularisierten Situation in unserem Lande werden meine Kollegen und ich manchmal gerufen von Menschen, die nicht oder nicht mehr die Kirche angehören. Ein paar Beispiele:

Ein nicht-kirchlicher Mann, deren Ehefrau gestorben ist, sucht einen Geistlichen für ihre Beerdigung.

Jungen Menschen wollen heiraten, kennen die Kirche zwar nicht, aber möchten bei dieser Gelegenheid doch auch Gott mit einbeziehen.

Ein AIDS-Patient am Ende seines Lebens, der sich ehedem von der Kirche und ihrem Moralismus verabschiedet hatte, will jetzt mit Gott und den Menschen ins Reine kommen, bevor der Arzt ihm hilft beim Sterben.

Ein Sohn,selbst nicht gläubig, sieht seinen gläubigen Vater schwer leiden und sich nach seinem Lebensende sehnen, und er fragt sich, ob es angemessen sei, mit sein Vater über aktive Sterbehilfe zu reden.

Pastorat – ganz gleich ob es sich innerhalb oder ausserhalb die Kirche abspielt - bedeutet meistens eine intensive Begegnung mit einem anderen Menschen. Darin handelt es sich fast immer um die wesentlichen Fragen des Lebens. Zu diesen Fragen gehören selbstverständlich auch die Fragen des Lebensendes.

Gerade darüber gibt es in den Niederlanden neue Gesetzgebung, worüber auch international viel gesprochen wurde und wird. Auch die niederländischen Kirchen sind sich in dieser Sache nicht einig. Die katholische Kirche -das heisst die Bischöfe- haben sich stark gegen das neuen Gestz ausgesprochen. Der Vorstand der Synode meiner Kirche auch - aber in der Woche, in der das geschah, sprachen mehr als 150 Pfarrer sich öffentlich für das neue Gesetz aus. Sie fühlten sich dazu verpflichtet, kranken Gemeindemitgliedern und gewissensvollen Ärtzten gegenüber.

Die wichtigste Änderung der Lage durch das Gesetz ist, dass ein Arzt, der gemäss eines bestimmten Protokolls aktive Sterbehife geleistet hatte, sich bisher zu verantworten hatte vor dem Staatsanwalt. Jetzt aber genügt eine Verantwortung vor einem Ausschuss, der darüber entscheidet, ob der Arzt sich protokollgemäss verhalten hat. In diesem Protokoll gibt es einige Grundsätze.

Erstens: aktive Sterbehilfe ist kein Recht des Patienten, sie wird verliehen beziehungsweise gegeben auf Grund einer ärztlichen Entscheidung;

Zweitens: die Hilfe wird nur dann gegeben, wenn

· eine Krankheit ein unerträgliches und aussichtsloses Leiden mit sich bringt

· der Patient selber danach fragt und den Arzt (meistens den Hausarzt) davon überzeugen kann, dass er seine eigene Lage gut versteht und dass er selbst wirklich sterben will.

Überdies muss ein zweiter unabhängiger Arzt bestätigen, dass das Leiden unerträglich und aussichtslos ist und dass der Patient wirklich und in voller Freiheit seine Entscheidung gefällt hat.

Das einzig Neue im neuen Gesetz ist also, dass der Arzt sich nicht mehr dem Staatsanwalt gegenüber, sondern gegenüber einem Ausschuss zu verantworten hat. Wenn er zum Beispiel Sterbehilfe geleistet hat, ohne dass ein Kollege den Patienten gesprochen hat und einverstanden war, dann muss der Artzt sich normal vor dem Gericht verantworten. Zum Beispiel wegen Hilfe bei Selbstmord - was auch bei uns strafrechtlich verfolgt wird.

Ich selbst möchte zum Thema Sterbehilfe vier Anmerkungen machen:

1. Für einen Christen ist das irdische Leben zwar von grösster Bedeutung, aber es ist nicht alles. Dat irdische Leben ist kein Wartezimmer, aber es is auch keine Endstation. Am Ende steht nicht der Tod, sondern Gott. Wer also in Gottes Liebe lebt, der darf den Fragen von Leben und Sterben unverkrampft begegnen. Der muss also nicht alles aus dem irdischen Leben herauspressen.

2. Leben im biblischen Sinne lässt sich nicht ausdrücken in Prozenten von Gehirnaktivität. Leben im biblischen Sinne ist leben mit der Möglichkeit, in Kontakt zu stehen mit Gott, mit den Mitmenschen und mit sich selbst. Wenn - wie zum Beispiel im Koma offensichtlich der Fall zu sein scheint - all diese drei Möglichkeiten nicht mehr gegeben sind, kan man fragen, ob es sich überhaupt noch um Leben handelt im biblischen Sinne. Das biblische Bild vom Menschen geht aus von Qualität und nicht von Quantität.

3. Fast kein Mensch will aktive Sterbehilfe. Jeder hofft, dass der Tot auf natürliche Weise kommt. Aber der Tot kómmt immer weniger auf natürliche Weise. Durch die Technik ist die Grenze zwischen Leben und Tot immer weiter verschoben. Wer meint, dass es den Menschen nicht zukommt, ein Leben zu beenden, weil es von Gott kommt, der hat sich die Frage zu stellen, ob es den Menschen dann wóhl zukommt, ein Leben künstlich unendlich vortdauern zu lassen, bis es nur noch vegetiert. Das menschliche Können bringt meiner Ansicht nach auch eine neue Verantwort­lich-keit mit sich. Eines der grossen Probleme ist, dass die medizinische Technik und die medizinische Ethik weit (zu weit) auseinander gewachsen sind. Aber fest steht für mich, dass wir Menschen Unrecht tun, wenn wir sie ärztlich behandeln mit die Technik des 21. Jahrhunderts und sie moralisch binden an die Ethik des 18. oder 19. Jahrhunderts.

4. Jeder hofft, das sein Leiden nicht unerträglich sein wird. Dass die palliative Pflege so verbessert wird, dass keiner so leidet, dass er sich sehnt nach dem Ende seines Lebens. Zu dieser palliativen Pflege rechne ich auch eine gute Versorgung in der letzten Lebensphase. Ich freue mich, dass es auch in Groningen ein Hospiz gibt, wo Totkranke in ihrer letzten Lebensphase verweilen können in der Gewissheit, dass sie Tag für Tag von sehr motivierten Ehrenamtlichen gepflegt werden. Ich freue mich, dass zu den Ehrenamtlichen auch Mitglieder unsere Gemeinde zählen. Aber Schmerz íst nicht immer wirklich zu behandeln. Und ich Frage mich: wenn aktive Sterbehilfe keine Option ist, bleibt dann nur noch die Bewustlosigkeit? Aber wie kann man noch reden von menschlicher Würde, wenn man zuerst einen Mittmenschen zum Vegetieren gebracht hat? Worum darf zum Beispiel ein Mensch bitten, der ans Ende seines Lebens kommt und fürchtet, dass er ersticken wird, wenn der Krebs am Speiserohr weiter wuchert? Darf er núr fragen, dass intubiert wird, bevor es so weit kommt? Und dass er danach bewustlos gehalten wird? Oder darf er auch fragen, dass der Arzt ihn nicht nur buchstäblich, sondern auch im übertragenen Sinn nicht ersticken lässt, sondern hilft beim Sterben?

Als Pfarrer begleite ich sowohl Menschen, die sich persönlich gegen als auch solche, die sich für aktive Sterbehilfe entschieden haben. Über die Rolle des Pastors bezüglich der Sterbhilfe wurde in der schon genannte Publikation 'Sterbehilfe und Pastorat' im Jahre 1988 geschrieben:

"Der Haltung des Pastors wird bestimmt von den Begriffen Helfen und Beistehen. Dass bedeutet, dass der Mensch mit seinen Nöten und Fragen zentral steht, zu seinem Recht kommen muss. Pastorale Seelsorge anerkennt die Eigenheit und die eigene Verantwortung des Menschen angesichts des Todes. Gegenüber voreiligem Reden und Predigen – wie gut gemeint auch immer – ist Vorsicht geboten. Es ist von grösster Bedeutung, dass der Pastor Signale abgibt, aus denen zu lesen ist, dass über allerhand Sachen -auch sehr umstrittene Sachen!- im Raum der Kirche gesprochen werden kann, ohne dass darauf un­mittelbar zustimmend oder ablehnend reagiert wird.

Meiner Erfahrung nach erwarten und hoffen Menschen innerhalb únd ausserhalb die Kirche angesichts dieser Fragen von einem Pastor keine kirchliche Meinung und keine Predigt, sondern Offenheit, Professionalität und gläubige Authentizität.

Wie gesagt: die Kirchen in Holland sind sich nicht einig in dieser Angelegenheit. Die Gegner des neuen Gesetzes fürchten, dass jetzt neue Grenzen gesetzt sind, die in der Zukunft wieder weiter verschoben werden können. Für mich ist Angst vor möglichen künftigen Entwicklungen kein Grund, um Menschen hier und jetzt nicht zu helfen.

Über die Rolle der Kirche in der Debatte will ich noch folgendes sagen. Meiner Überzeugung nach soll die Kirche nicht ein Institut sein, das feste Werte und Norme verkündigt und bewacht. Auch nicht in der Frage der Sterbehilfe. Erstens hat die Kirche (bei uns jedenfalls) dazu nicht mehr die moralischen Autorität - zuviel Menschen gehören ihr nicht mehr an. Zweitens sind die Meinungen in der niederländischen Kirche, die Teil ist unserer pluralistischen Geselschaft, zu verschieden. Die katholische Kirche spricht zwar mit einen Mund, aber es gibt eine breite Kluft zwischen den Bischöfen und vielen Gläubigen. In den protestantische n Kirchen gibt es in vielen moralischen Fragen keinen breit getragen kirchlichen Standpunkt mehr. Die Kirche kánn also in vielen Dingen nicht mit eine Stimme reden. Das ist die Konsequenz der der postmodernen Gesellschaft. Aber ich denke, das darin auch nicht ihre Stärke gelegen hat. Die Kirche sollte vielmehr Ort der Begenung und der Interpretation sein. Die Kirche kann die Aufmerksamkeit lenken auf Gesichtspunkte, die sonst übersehen würden. Die Kirche kann eine Plattform bieten für diejenigen, die normalerweise überhört werden.

Ób die Kirche auch gehört wird und Einfluss hat, wird abhängen von die Kraft der Argumente, und von der Ausstrahlung des kirchlichen Lebens - nicht von irgendeiner kirchlichen Autorität als solcher.

Ich hoffe also - nicht nur für die Frage der Sterbehilfe - dass die Kirche ein Raum ist, eine Gemeinschaft, wo Menschen zum einen die Geschichte von Gott und die Worte von der Befreiung und Versöhnung erzählen, leben und feiern. Und wo zum anderen die persönlichen Lebensgeschichten, die Fragen und die Erwartungen der Menschen respektvoll gehört werden. In diesem Raum findet eine dauernde lnterpretation statt: die Interpetration der Geschichte von Gott und die lnterpretation der menschlichen Lebensgeschichten.

In dieser Gemeinschaft hat die Heilige Schrift als Kompass eine zentrale Bedeutung. Denn in der Gemeinde sind die Menschen zum Hören bereit: sie verlangen von Gott und der Vision des Königreiches betroffen und angeregt zu werden. Aber ein Kompass ist kein automatischen Pilot.

Die Gemeinde ist der Ort, in der jeder individuelle Mensch sich selbst sein kann, sich vor Gottes Angesicht und mit den Menschen enfalten kan. In dieser Kirche arbeite ich mit grosser Freude.